Labordiagnostische Untersuchungsmethoden
Gemäß den Empfehlungen der American Academy of Neurology (AAN) sollte bei einem Patienten mit distaler symmetrischer Neuropathie das Laboruntersuchungsspektrum ein großes Blutbild, den Vitamin-B12-Wert, Methylmalonsäure, den Serumglukosespiegel sowie eine Serumproteinelektrophorese mit Immunfixation umfassen.
Selbstverständlich kann die klinische Situation selbst die Strategie zum Einsatz zusätzlicher Untersuchungsmethoden, einschließlich Laboruntersuchungen, verändern. Als Laboruntersuchungsmethoden sollte bei entsprechendem klinischem Verdacht ein Screening auf Porphyrie (qualitative Analyse einer frisch gesammelten Urinprobe auf Porphobilinogen mittels Ehrlich-Reagenz), Sarkoidose (Aktivität des Angiotensin-konvertierenden Enzyms), paraneoplastisches Syndrom (antionkoneurale Antikörper, Tumormarker u. a.), Screening auf Schwermetalle sowie Screening auf Zöliakie (Antikörper gegen Gliadin, Gewebetransglutaminase, Endomysium, antiretikuläre Antikörper) in Betracht gezogen werden. Die Untersuchung der Zerebrospinalflüssigkeit gilt bei Neuropathien mit symmetrischem, distalem Verteilungsmuster des neurologischen Defizits nicht als Routineuntersuchung, ist jedoch bei Polyradikulopathien und Polyradikuloneuropathien obligatorisch.
Die Rolle der Autoantikörperbestimmung bei Patienten mit peripheren Neuropathien bleibt letztlich unklar. Die Antikörper richten sich gegen membranassoziierte und intrazelluläre Proteoglykane. Der Nachweis von Autoantikörpern in niedrigen Titern in der Allgemeinbevölkerung erhöht das Risiko falsch-positiver Ergebnisse dieser Untersuchung. Daher wird empfohlen, Antikörper-Panels zu verwenden, die verschiedene, bei unterschiedlichen Neuropathien nachweisbare Antikörper umfassen.
Antikörper gegen Ganglioside.
Ganglioside sind spezifische Glykolipide, die aus einem hydrophoben Ceramid-Fragment, das in die Lipidmembran des Axons eingebettet ist, und einem hydrophilen Oligosaccharid-Fragment mit einem außerhalb der Zelle gelegenen Sialinsäurerest bestehen, der von spezifischen Antikörpern erkannt werden kann. In der Nomenklatur bezeichnet der erste Buchstabe das Gangliosid, der zweite entspricht der Anzahl der Sialinsäurereste, die Zahl gibt die Menge des vollständigen Tetrasaccharids an, und der letzte Kleinbuchstabe kennzeichnet die isomere Position des Sialinsäurerests. Da verschiedene Gangliosidarten Ähnlichkeiten in der Oligosaccharidsequenz aufweisen können, kann ein Antikörpertyp an mehrere Ganglioside binden. Ein den Zugang der Antikörper zu den Gangliosiden limitierender Faktor ist die Blut-Nerven-/Blut-Hirn-Schranke. Antikörper gegen Ganglioside können mittels Enzyme-linked Immunosorbent Assay (ELISA), Immunodot-Assay, Durchflusszytometrie und Glykoarray nachgewiesen werden. Dabei stimmen die verschiedenen Methoden nicht miteinander überein und können aufgrund von Unterschieden in der Ausrichtung der Glykansäure bevorzugt unterschiedliche Antikörpertypen nachweisen. Gangliosidkomplexe werden als interagierende Partnerschaften zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Gangliosiden definiert, die neue Antikörperbindungsstellen schaffen. So werden Antikörper gegen den Gangliosidkomplex GM1 und GD1a häufiger bei akuter motorischer und sensorischer axonaler Neuropathie (einer Variante des Guillain-Barré-Syndroms) nachgewiesen als gegen einzelne Ganglioside. Verschiedene entzündliche Antikörper sind mit unterschiedlichen Varianten entzündlicher Neuropathien assoziiert: die pharyngeal-zervikal-brachiale Form des Guillain-Barré-Syndroms mit Antikörpern gegen GT1a, das Miller-Fisher-Syndrom mit Antikörpern gegen GQ1b und die akute sensorische ataktische Neuropathie mit Antikörpern gegen GD1b. Die starke Assoziation zwischen Anti-GQ1b- und verwandten Gangliosid-Antikörpern hat zur Bildung des Konzepts des „Anti-GQ1b-Antikörper-Syndroms“ geführt, wobei falsch-positive Reaktionen damit äußerst selten sind. Antikörper gegen GM1 können in der Hälfte der Fälle multifokaler motorischer Neuropathie nachgewiesen werden, sowie in weiteren Beispielen, die in den entsprechenden Abschnitten ausführlicher behandelt werden. Die Bildung eines Gangliosidkomplexes verstärkt den Antikörpernachweis mit jeder der verfügbaren Methoden, möglicherweise durch die Bildung eines Heterodimers, das ein neues Epitop erzeugt.
Antikörper gegen das Myelin-assoziierte Glykoprotein (Anti-MAG).
Wird mittels Enzyme-linked Immunosorbent Assay mit hoher Spezifität nachgewiesen. Bei hohen Titern (über 10.000/µl) besteht eine Kreuzreaktivität mit GM1. Es besteht keine Korrelation zwischen den klinischen Manifestationen der Neuropathie und der Höhe des Antikörpertiters. Langlebige Plasmazellen können die Quelle der Antikörper sein.
Auch andere Proteine der internodalen und nodalen Region wurden als mögliche Antikörper-Zielstrukturen bei entzündlichen Neuropathien identifiziert. Nach Ergebnissen mehrerer Studien wurden Antikörper gegen Neurofascin 186 bei mehr als der Hälfte der Patienten mit MMN nachgewiesen, während Antikörper gegen Neurofascin 186, Contactin und Laminin bei 5 % der Patienten mit chronisch entzündlicher demyelinisierender Neuropathie gefunden wurden. Da diese Antikörper selten vorkommen, können sie nicht als Screening-Instrument für entzündliche Neuropathien eingesetzt werden, sind jedoch von großem Interesse für die Erklärung der Pathophysiologie der besprochenen Fälle. Weitere Forschung ist erforderlich, um zusätzliche Biomarker zu entwickeln und deren Einsatz in der klinischen Praxis zu klären.
Autor des Textes Dr. med. habil. Dmitry S. Druzhinin